Frauen in Deutschland wollen nie wieder Gebärmaschinen sein.
Oder aber das von den Faschisten propagierte Frauenbild wurde so erfolgreich ins kollektive Bewusstsein
geprügelt, dass selbst moderne junge Frauen sich unbewusst an
jenem reaktionären Hausfrauen- und Mutter-Ideal orientieren –
und befürchten, diesem Bild nie entsprechen zu können, wenn sie
gleichzeitig einen Beruf ausübten. Also verzichten sie
sicherheitshalber ganz auf Kinder.
Mut zum Kind hat nur,
wer glaubt, eine Zukunft zu haben
Auch die
öffentliche Betreuungs-Infrastruktur in Deutschland begünstigte
bisher nicht gerade die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.
Alle Parteien sehen da Nachholbedarf. Doch vielleicht gibt es
bei uns bis heute nicht nur den Wunsch nach mehr Kindergärten,
Krippen und Ganztagsschulen, sondern auch ein gegenläufiges
Gefühl: ein diffuses Misstrauen gegen staatliche
Kinderbetreuung, gespeist aus der Erfahrung mit zwei Diktaturen
auf deutschem Boden, die jeweils Kinder gegen ihre Eltern
instrumentalisieren wollten. Dass Betreuungsplätze nicht alles
sind, zeigt sich zudem am totalen Einbruch der Geburtenrate in
der (mit Kitas gut ausgestatteten) Ex-DDR – Mut zum Kind
entwickelt eben nur, wer glaubt, eine Zukunft zu haben.
Bei uns
bleiben vor allem die Akademikerinnen (und die ihnen
anhängenden Männer) kinderlos. Das ist eine späte Folge der
Bildungsreform, der Individualisierungstendenzen, die wir
seit den sechziger Jahren beobachten – und der
Frauenbewegung. Wem hat sie genützt? Die »Software« der
Emanzipation, die Bildungs- und Freiheitsgewinne, das
Selbstbewusstsein im Umgang mit Männern, kommt hauptsächlich
der weiblichen »Mittelschicht plus« zugute – mit erheblichen
Folgen für ihr Privatleben, für die Kinderfrage, für die
Beziehungsarchitektur.
Für Frauen
mit schlechter Schulbildung und entsprechenden Jobaussichten hat
sich in punkto Familienplanung nicht viel geändert – in ihrem
Milieu spielt der bildungsbiografische Ordnungsfanatismus der
Akademikerinnen kaum eine Rolle. Wenn ein Kind kommt, kommt es;
bei der Arbeit als ungelernte Hilfskraft in der Großküche
verpasst eine Frau nicht viel. Und wenn sie in die Disco möchte,
gibt es in der Regel ein Netzwerk aus Müttern, Schwestern und
Freundinnen, die das Baby schon mal hüten.
Das muss
kein Problem sein: Die Lebenserwartung steigt, und wer keine
Gesundheitsprobleme hat, kann die Kinderphase durchaus später im
Leben einplanen. Andererseits scheinen sich die Demografen
weitgehend einig zu sein, dass das lange Zuwarten in Sachen Kind
Risiken birgt:
Die Karriere zu opfern fällt schwerer als den Job an der
Aldi-Kasse
Bis zu ihrem
35. Lebensjahr bleiben laut Mikrozensus des Statistischen
Bundesamts 62 Prozent der Hochschulabsolventinnen kinderlos.
Auch wenn es bei ihnen einen Trend zur späten Mutterschaft mit
Ende 30 gibt: Wie viele von ihnen werden bis Anfang 40 wirklich
noch Kinder bekommen? Zehn Prozent? Zwanzig?
Demografen gehen für die Zukunft davon aus, dass etwa die Hälfte
aller Akademikerinnen kinderlos bleiben werden. Etliche von
ihnen entscheiden sich ganz bewusst gegen Kinder und sind
glücklich damit; 44 Prozent der Kinderlosen insgesamt gaben in
einer Umfrage des Forst-Instituts aus dem Frühjahr 2005 an, sie
hätten keinen Kinderwunsch, weil sie mit ihrem augenblicklichen
Leben sehr zufrieden seien.
Ein
nennenswerter Teil der kinderlosen Akademikerinnen aber muss
wohl irgendwie Opfer der Verhältnisse werden, Opfer der Abwarte-
und Ausprobier-Ideologie, Opfer auch eines nur langsam sich
wandelnden Rollenverständnisses der Männer, die sich mit den
hoch qualifizierten, selbstbewussten Frauen über 30 vielfach
doch sehr schwer tun – auch wenn der Bamberger Soziologe
Hans-Peter Blossfeld und sein Kollege Andreas Timm in einer
Langzeituntersuchung der bundesrepublikanischen Heiratsverläufe
in den letzten 50 Jahren Hinweise darauf gefunden haben, dass
die Männer jeder jüngeren Generation zunehmend besser
qualifizierte Frauen akzeptieren. In der Praxis sind solche
Prozesse allerdings langwierig: Immer noch gibt es kaum eine
Frau mit Diplom oder Doktortitel, die nicht von Zurückweisungen
durch Männer berichten könnte, die sich von ihrem Status
überfordert fühlten.
Jedenfalls haben 80 Prozent der verheirateten
Akademikerinnen Kinder, aber nur 13 Prozent der ledigen. Das
Problem besteht offenbar darin, dass ein wachsender Teil der
Hochschulabsolventinnen gar nicht heiratet: 25 Prozent der
Jahrgänge 1957 und 1958 sind ledig, und der Trend zeigt steil
nach oben, bis hin zu 50 Prozent der 1967 und 1968 Geborenen.
Natürlich
sind studierte Frauen auch weniger auf einen Ernährer
angewiesen, sie können in der Regel finanziell auf relativ hohem
Niveau für sich selbst sorgen. Es ist sicher kein Zufall, dass
Hochschulabsolventinnen heute zu 80 Prozent berufstätig sind,
Hauptschülerinnen hingegen nur zu 60Prozent: Der Job an der
Aldi-Kasse ist wegen Familiengründung leichteren Herzens zu
unterbrechen als der Kuratorinnenposten an einem großen Museum.
Doch die
größere Neigung der Akademikerinnen zur Berufstätigkeit kann die
überdurchschnittliche Kinderlosigkeit in diesem Milieu nicht
allein erklären: Schon 1970 arbeiteten 70 Prozent von ihnen,
viel mehr als in den anderen Bildungsschichten; damals waren nur
40 Prozent der Hauptschülerinnen berufstätig. Heute haben die
unteren und mittleren Bildungsgruppen bei der Erwerbsbeteiligung
nachgezogen. Auch in dieser Hinsicht wirkten die Frauen mit
Studienabschluss als Avantgarde.
Die
Kinderabstinenz der Akademikerinnen mag bis zu einem gewissen
Grad die Konsequenz höherer Ansprüche, eines ausgeprägten
Hedonismus und einer geringeren Bereitschaft sein, sich mit dem
erstbesten möglichen Kindsvater zufrieden zu geben. Außerdem
zwingen akademische Karrieren oft zu mehr familienfeindlicher
Flexibilität als andere. Ein schwer messbarer Teil an
Zurückhaltung dürfte auch bei den Männern liegen, denen die
selbstbewussten, anspruchsvollen, bisweilen sogar schwierigen
Mittdreißigerinnen vielleicht einfach zu anstrengend sind.
Die
Kinderabstinenz der weiblichen Bildungsavantgarde wirkt doppelt
und dreifach, denn es geht ja nicht nur um die Zahl der nicht
geborenen Kinder, sondern auch um eine Trend- und
Vorbildfunktion. Bisher mag das Reproduktionsverhalten der
weniger Privilegierten noch ziemlich traditionell sein. Aber das
muss nicht immer so bleiben:
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