Zudem ist es auffällig, dass die Geburtenzahlen nicht nur in
Deutschland besonders niedrig sind, sondern auch in den anderen
europäischen Ländern, die den Faschismus erlebten: Italien,
Spanien und Griechenland. Dieser Umstand lässt unterschiedliche
Erklärungen zu: Womöglich hat die Mutterkreuz-Ideologie der
Nationalsozialisten zu einer dauerhaften Abstoßungsreaktion
geführt –
Frauen in Deutschland wollen nie wieder Gebärmaschinen sein.
Oder aber das von den Faschisten propagierte Frauenbild (»Ziel
der weiblichen Erziehung hat unverrückbar die kommende Mutter zu
sein«) wurde so erfolgreich ins kollektive Bewusstsein
geprügelt, dass selbst moderne junge Frauen sich unbewusst an
jenem reaktionären Hausfrauen- und Mutter-Ideal orientieren –
und befürchten, diesem Bild nie entsprechen zu können, wenn sie
gleichzeitig einen Beruf ausübten. Also verzichten sie
sicherheitshalber ganz auf Kinder.
Mut zum Kind hat nur,
wer glaubt, eine Zukunft zu haben
Auch die
öffentliche Betreuungs-Infrastruktur in Deutschland begünstigte
bisher nicht gerade die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.
Alle Parteien sehen da Nachholbedarf. Doch vielleicht gibt es
bei uns bis heute nicht nur den Wunsch nach mehr Kindergärten,
Krippen und Ganztagsschulen, sondern auch ein gegenläufiges
Gefühl: ein diffuses Misstrauen gegen staatliche
Kinderbetreuung, gespeist aus der Erfahrung mit zwei Diktaturen
auf deutschem Boden, die jeweils Kinder gegen ihre Eltern
instrumentalisieren wollten. Dass Betreuungsplätze nicht alles
sind, zeigt sich zudem am totalen Einbruch der Geburtenrate in
der (mit Kitas gut ausgestatteten) Ex-DDR – Mut zum Kind
entwickelt eben nur, wer glaubt, eine Zukunft zu haben.
So ist es
wohl auch ein seit mindestens zehn Jahren andauerndes
Krisengefühl, das junge Leute in Deutschland von der
Familiengründung abhält – und weil wir in allem besonders
gründlich sind, haben wir natürlich besonders viel
(nachwuchsfeindliche) Zukunftsangst.
Der Anteil
der Frauen an der Entscheidung für oder gegen Kinder ist (obwohl
selbstverständlich zwei dazu gehören) meiner Überzeugung nach
größer als jener der Männer. Frauen (in Deutschland) können
selbst in den finstersten Verhältnissen nicht mehr gegen ihren
Willen in die Mutterrolle gezwungen werden. An ihren beruflichen
Interessen und Möglichkeiten bemisst sich der »richtige«
Zeitpunkt für ein Kind. Das ist nicht nur ein Freiheitsgewinn,
das wäre de facto auch ein Machtzuwachs für die Frauen – wenn
sie die Kinderfrage nur politisch-gesellschaftlich und nicht
rein individuell begreifen wollten.
Bei uns
bleiben vor allem die Akademikerinnen (und die ihnen
anhängenden Männer) kinderlos. Das ist eine späte Folge der
Bildungsreform, der Individualisierungstendenzen, die wir
seit den sechziger Jahren beobachten – und der
Frauenbewegung. Wem hat sie genützt? Die »Software« der
Emanzipation, die Bildungs- und Freiheitsgewinne, das
Selbstbewusstsein im Umgang mit Männern, kommt hauptsächlich
der weiblichen »Mittelschicht plus« zugute – mit erheblichen
Folgen für ihr Privatleben, für die Kinderfrage, für die
Beziehungsarchitektur.
Für Frauen
mit schlechter Schulbildung und entsprechenden Jobaussichten hat
sich in punkto Familienplanung nicht viel geändert – in ihrem
Milieu spielt der bildungsbiografische Ordnungsfanatismus der
Akademikerinnen kaum eine Rolle. Wenn ein Kind kommt, kommt es;
bei der Arbeit als ungelernte Hilfskraft in der Großküche
verpasst eine Frau nicht viel. Und wenn sie in die Disco möchte,
gibt es in der Regel ein Netzwerk aus Müttern, Schwestern und
Freundinnen, die das Baby schon mal hüten.
Für
Studentinnen sieht die Sache anders aus: Ihnen wurde erstens auf
ihrem bisherigen Bildungsweg eingebläut, dass das Einzige, was
ihnen in der angespannten Arbeitsmarktlage zum Durchbruch
verhelfen könne, Zusatzqualifikationen seien: Hiwi-Jobs,
Praktika, Auslandssemester, vielleicht auch soziales,
politisches oder kulturelles Engagement. Das kostet Zeit.
Zweitens haben sie alle die ordentliche deutsche
Bildungskarriere verinnerlicht: schön eins nach dem anderen. Das
Hochschulstudium beenden Absolventinnen bei uns mit
durchschnittlich 28,5 Jahren. Das Durchschnittsalter für das
erste Kind liegt heute rund fünf Jahre höher als 1960, bei knapp
dreißig Jahren. Die Akademikerinnen dürften das Ihre zu diesem
hohen Altersdurchschnitt beitragen: Bei ihnen verschiebt sich
die Familiengründung gut und gerne noch einmal um fünf Jahre
nach hinten.
Das muss
kein Problem sein: Die Lebenserwartung steigt, und wer keine
Gesundheitsprobleme hat, kann die Kinderphase durchaus später im
Leben einplanen. Andererseits scheinen sich die Demografen
weitgehend einig zu sein, dass das lange Zuwarten in Sachen Kind
Risiken birgt:
»Der Weg in die Kinderlosigkeit führt meist über das wiederholte
Aufschieben der Geburt des ersten Kindes«, versichern die
Experten des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung. Auch die
Gießender Familienwissenschaftlerin Uta Meier warnt: »Aus
temporär gewollter Kinderlosigkeit wird endgültige, ungewollte
Kinderlosigkeit.«
Das
aussichtsreichste Alter für die Fortpflanzung sind die Jahre bis
25, danach schwindet die Zahl gesunder Eizellen, zunächst
langsam bis 30, dann schneller bis 35 Jahre. Mit Mitte 30 fällt
die Fruchtbarkeitskurve steil ab, danach ist es Glückssache, ob
eine Frau noch schwanger wird oder nicht. Gerade erfolgreiche
Frauen, die hart für ihre lückenlose Berufsbiografie gearbeitet
haben, finden es offenbar schwer akzeptabel, ja schwer
vorstellbar, dass sich ein Biografiebaustein nicht mit Fleiß und
Disziplin erkämpfen lassen soll; dass er sich der Planung sogar
besonders beharrlich entzieht. Die Fruchtbarkeitsphase steht im
denkbar ungünstigsten Verhältnis zu den langen Ausbildungszeiten
in Deutschland.
Die Karriere zu opfern fällt schwerer als den Job an der
Aldi-Kasse
Bis zu ihrem
35. Lebensjahr bleiben laut Mikrozensus des Statistischen
Bundesamts 62 Prozent der Hochschulabsolventinnen kinderlos.
Auch wenn es bei ihnen einen Trend zur »späten Mutterschaft« mit
Ende 30 gibt: Wie viele von ihnen werden bis Anfang 40 wirklich
noch Kinder bekommen? Zehn Prozent? Zwanzig?
Demografen gehen für die Zukunft davon aus, dass etwa die Hälfte
aller Akademikerinnen kinderlos bleiben werden. Etliche von
ihnen entscheiden sich ganz bewusst gegen Kinder und sind
glücklich damit; 44 Prozent der Kinderlosen insgesamt gaben in
einer Umfrage des Forst-Instituts aus dem Frühjahr 2005 an, sie
hätten keinen Kinderwunsch, weil sie mit ihrem augenblicklichen
Leben sehr zufrieden seien.
Ein
nennenswerter Teil der kinderlosen Akademikerinnen aber muss
wohl irgendwie Opfer der Verhältnisse werden, Opfer der Abwarte-
und Ausprobier-Ideologie, Opfer auch eines nur langsam sich
wandelnden Rollenverständnisses der Männer, die sich mit den
hoch qualifizierten, selbstbewussten Frauen über 30 vielfach
doch sehr schwer tun – auch wenn der Bamberger Soziologe
Hans-Peter Blossfeld und sein Kollege Andreas Timm in einer
Langzeituntersuchung der bundesrepublikanischen Heiratsverläufe
in den letzten 50 Jahren Hinweise darauf gefunden haben, dass
die Männer jeder jüngeren Generation zunehmend besser
qualifizierte Frauen akzeptieren. In der Praxis sind solche
Prozesse allerdings langwierig: Immer noch gibt es kaum eine
Frau mit Diplom oder Doktortitel, die nicht von Zurückweisungen
durch Männer berichten könnte, die sich von ihrem Status
überfordert fühlten.
Und die
Wahrscheinlichkeit, das erste Mal zu heiraten, sinkt (für beide
Partner) mit steigendem Alter – wer den Schritt bis 40 nicht
getan hat, der wird ihn kaum noch tun. Ehe und Kind wiederum
hängen in Deutschland nach wie vor eng zusammen, wobei nicht
eindeutig festzustellen ist, ob nun dem Kinderwunsch die Heirat
folgt oder die Heirat den Entschluss zum Kind fördert.
Jedenfalls haben 80 Prozent der verheirateten
Akademikerinnen Kinder, aber nur 13 Prozent der ledigen. Das
Problem besteht offenbar darin, dass ein wachsender Teil der
Hochschulabsolventinnen gar nicht heiratet: 25 Prozent der
Jahrgänge 1957 und 1958 sind ledig, und der Trend zeigt steil
nach oben, bis hin zu 50 Prozent der 1967 und 1968 Geborenen.
Natürlich
sind studierte Frauen auch weniger auf einen »Ernährer«
angewiesen, sie können in der Regel finanziell auf relativ hohem
Niveau für sich selbst sorgen. Es ist sicher kein Zufall, dass
Hochschulabsolventinnen heute zu 80 Prozent berufstätig sind,
Hauptschülerinnen hingegen nur zu 60Prozent: Der Job an der
Aldi-Kasse ist wegen Familiengründung leichteren Herzens zu
unterbrechen als der Kuratorinnenposten an einem großen Museum.
Doch die
größere Neigung der Akademikerinnen zur Berufstätigkeit kann die
überdurchschnittliche Kinderlosigkeit in diesem Milieu nicht
allein erklären: Schon 1970 arbeiteten 70 Prozent von ihnen,
viel mehr als in den anderen Bildungsschichten; damals waren nur
40Prozent der Hauptschülerinnen berufstätig. Heute haben die
unteren und mittleren Bildungsgruppen bei der Erwerbsbeteiligung
nachgezogen. Auch in dieser Hinsicht wirkten die Frauen mit
Studienabschluss als Avantgarde.
Nun könnte
man annehmen, dass die anderen Frauen dann konsequenterweise
ebenfalls beginnen würden, auf Kinder zu verzichten – es dürfte
doch ungefähr gleich anstrengend sein, zum Kindergarten zu
hetzen und abends noch schnell einzukaufen, egal, ob man als
Verkäuferin bei Schlecker arbeitet oder als Juristin in einer
Verwaltung. Trotzdem bekommen die Frauen der unteren
Bildungsschichten weiterhin Kinder. Von den bis 40-Jährigen
bleiben nur rund 20 Prozent kinderlos, im Gegensatz zu den etwa
50 Prozent Hochschulabsolventinnen.
Die
Kinderabstinenz der Akademikerinnen mag bis zu einem gewissen
Grad die Konsequenz höherer Ansprüche, eines ausgeprägteren
Hedonismus und einer geringeren Bereitschaft sein, sich mit dem
erstbesten möglichen Kindsvater zufrieden zu geben. Außerdem
zwingen akademische Karrieren oft zu mehr familienfeindlicher
Flexibilität als andere. Ein schwer messbarer Teil an
Zurückhaltung dürfte auch bei den Männern liegen, denen die
selbstbewussten, anspruchsvollen, bisweilen sogar schwierigen
Mittdreißigerinnen vielleicht einfach zu anstrengend sind.
Aber die
Frauen? Sind die so ordentlich und planvoll ihre Lebensläufe
designenden Töchter der Bildungsreform einfach zu vorsichtig, zu
pingelig, zu kontrollverliebt für Kinder? Scheuen sie die
Verantwortung? Oder sehen sie klugerweise, dass das Kind, das
sie sich möglicherweise wünschen, nur ihr Leben
dramatisch verändern würde, das ihres Partners hingegen kaum?
Der Partner!
In einer Befragung von 40000 Männern und Frauen im Alter
zwischen 18 und 49 Jahren ermittelte das
Meinungsforschungsinstitut Forsa den »falschen Partner« als
Hauptgrund für Kinderlose, kinderlos zu bleiben. Die
Untersuchung umfasste natürlich nicht nur Akademiker, aber ist
es nicht plausibel, dass die Probleme in diesem Milieu
kumulieren?
Nicht der
richtige Partner« kann bedeuten, dass einige Frauen abgelehnt
werden, weil sie in eine zu hohe »Liga« aufgestiegen sind;
andere beurteilen vielleicht einfach die Zusatzbelastung und die
Risiken realistisch, die ihnen ein Kind bringen würde. Nach
Zeitbudget-Untersuchungen des Statistischen Bundesamts setzen
Väter, verglichen mit kinderlosen Männern in einer
Paarbeziehung, ganze sechs zusätzliche Minuten am Tag für
Hausarbeit ein. 80 Prozent der gesamten Haushalts- und
Fürsorgearbeit in Familien leisten nach wie vor die Frauen.
In diesem
Punkt ist die Emanzipationsbewegung kläglich gescheitert, sie
hat das Geschlechterverhältnis im praktischen Alltag kein
bisschen revolutioniert. Im Gegenteil: Während junge Männer bis
25 Anfang der neunziger Jahre »nur« zu 25 Prozent von Frauen
bekocht wurden, sind es heute 70 Prozent, die bei Mama, Oma oder
Freundin essen. Verbale Aufgeschlossenheit bei weitgehender
Verhaltensstarre« hat der Soziologe Ulrich Beck die moderne
männliche Haltung genannt.
Genau in
diesen jungen Männern finden wir eine mögliche Adressatengruppe
für die Forderungen aus dem weiblichen »Gebärstreik«, der die
vergangenen 30 Jahre geprägt hat: Es wäre ja absurd, von den
Frauen zu verlangen, dass sie ihre private Entscheidung für
oder gegen ein Kind in einem gesellschaftlichen, einem
demografischen Kontext sehen sollen und dabei den Männern jede
aktive Mitarbeit an der Veränderung dieses Kontextes zu
ersparen.
Deren
Haushalts- und Erziehungsbeitrag, deren Bereitschaft, sich auf
ein Kind einzulassen, sind natürlich ebenso Privatsache wie eine
Schwangerschaft. Aber beides hat gesellschaftliche Folgen – und
auch für Männer ist der Fortbestand der Rentenkassen von
Bedeutung.
Die
Kinderabstinenz der weiblichen Bildungsavantgarde wirkt doppelt
und dreifach, denn es geht ja nicht nur um die Zahl der nicht
geborenen Kinder, sondern auch um eine Trend- und
Vorbildfunktion. Bisher mag das Reproduktionsverhalten der
weniger Privilegierten noch ziemlich traditionell sein. Aber das
muss nicht immer so bleiben:
Schon heute
findet sich die zweithöchste Kinderlosigkeitsquote im Milieu der
so genannten konkurrierenden Optionen, wie Jürgen Dorbritz vom
Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung herausgefunden hat:
also dort, wo ein Kind zu bekommen bedeuten würde, auf
erstrebenswerte Lifestyle-Elemente der Oberschicht zu
verzichten.
Zum anderen
wird die Kinderfreundlichkeit einer Gesellschaft mit Sicherheit
nicht größer, wenn ausgerechnet ihre Eliten sich dem Leben mit
Kindern, den komplexen Verpflichtungen und Abhängigkeiten des
Familienlebens zunehmend entfremden. Lehrer, die nie eigene
Kinder gehabt haben?
Bundestagsabgeordnete,
die nicht aus eigener Erfahrung wissen, was es bedeutet, durch
die Familie daran gehindert zu sein, mal eben ein Wochenende
durchzuarbeiten? Kinderlose Journalistinnen und
Schriftstellerinnen, die die ästhetischen und kulturellen
Grundsätze des guten Lebens vermitteln?
Die
Konsumforschung hat herausgefunden, dass der Lebensstil der
Privilegierten den gesellschaftlichen Trend prägt: Was, wenn
dieser Lebensstil Kinderlosigkeit zur Norm erhebt? Dann ist
endgültig der Dumme, wer seine Berufstätigkeit einschränkt, um
für Kinder zu sorgen, und wer sich die unvermeidlichen
»Kinderkosten« auflädt. Dann mindern vielleicht künftig Kinder
im Hotel den Erholungswert einer Pauschalreise; dann wird
Fortpflanzung ein Unterschichtenmerkmal.
Wenn aber
das kinderlos-akademische Milieu unter sich bleibt, verzichtet
ein nennenswerter Teil der »Entscheider« und vor allem der »Entscheiderinnen«
dauerhaft auf die Erfahrungen und das Glück, das ein
Zusammenleben mit Kindern bedeutet. Und die Gesellschaft steht
plötzlich vor der schwierigen Aufgabe, immer mehr Kinder aus
bildungsfernen Schichten auf Hochschulniveau zu trimmen. Denn
dass der Mangel an Fachkräften in den kommenden Jahren drastisch
zunehmen wird, ergibt sich zwingend aus der demografischen
Entwicklung. Gerade Erziehung und Bildung aber werden dann mehr
und mehr Aufgabe von Menschen, die Erfahrungen mit eigenen
Kindern nicht mehr haben.
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